Bericht aus dem Montagscafé: Gemeinsam für den Neuanfang

14.01.2019

Es herrscht eine bunte und lebendige Atmosphäre im Raum: Kinder spielen auf Decken zwischen den Tischen oder basteln, während die Erwachsenen sich bei Kaffee und Gebäck unterhalten. Die meisten der ungefähr 40 Anwesenden leben erst seit weniger als drei Jahre in Deutschland, sie haben ihre Heimatländer verlassen, um hier ein neues Leben zu beginnen.

 

Die Migrationsbewegung hat in den vergangenen Jahren die gesellschaftspolitische Debatte in unserem Land bestimmt und stellt für die Betroffenen immer noch eine Herausforderung dar: In vielen Städten und Gemeinden werden Hilfsangebote organisiert und die Flüchtlinge stehen vor der Aufgabe, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Um sie zu unterstützen, engagieren sich, wie auch hier in der niedersächsischen Stadt Lehrte, Bürger für ihre Integration. In dem etwa 43.000 Einwohner zählenden Ort in der Nähe von Hannover leben laut der Organisation „Lehrte hilft“ zurzeit mehr als 1000 Menschen, die ihre Heimat aufgrund von Krieg und Verfolgung verlassen mussten.

 

Anfangs kamen vor allem Menschen aus afrikanischen Ländern wie dem Sudan, Somalia oder der Elfenbeinküste. Inzwischen stammen die meisten Geflüchteten aus dem Nahen Osten und Afghanistan. Etwa 40 von ihnen suchen heute im internationalen Montagscafé das Gespräch mit den Ehrenamtlichen, die im Team von "Lehrte hilft" mitarbeiten. „Wir haben zurzeit etwa 110 Freiwillige, mit denen wir zusammenarbeiten“, erläutert Carina Niendieker, die das ehrenamtliche Engagement von "Lehrte hilft" in den Räumen des Roten Kreuzes Lehrte koordiniert. Zu den Unterstützern von „Lehrte hilft“ gehören neben dem Roten Kreuz drei örtliche Kirchengemeinden und der türkische Sportverein „SV Yurdumspor Lehrte e.V.“ Dieser Zusammenschluss finanziert sich aus einer Mischung von Spendengeldern und städtischen Zuwendungen, wie Carina Niendieker erklärt.

 

Niedrigschwellige Angebote wie beispielsweise das hier stattfindende „Montagscafé“ richten die Ehrenamtlichen um Projektleiterin Veronika Schulte von der St.Petri-Gemeinde im Nachbarort Steinwedel regelmäßig im Roten-Kreuz-Ortsverein aus. Es soll auch als „Informationsbörse“, wie Veronika Schulte es beschreibt, und als Begegnungsstätte von Migranten und der örtlichen Bevölkerung dienen. Ein weiteres Anliegen ist die Unterstützung der Migranten im alltäglichen Leben, auf welche die „Lehrte hilft“-Mitwirkenden beim „Montagscafé“ hinweisen. So berichtet Veronika Schulte vom Angebot eines sogenannten „Mietführerscheins“, der den Flüchtlingen die Suche nach einer Wohnung erleichtern soll. Auch Ausflüge stehen auf dem Programm, wie etwa ins Luftfahrtmuseum nach Hannover oder auch der Besuch einer Ausstellung über die deutsche Geschichte.

 

Ein junger Mann übersetzt die Ankündigungen für die anderen Geflüchteten. Sein Name ist Sherzad Khalaf Yazdeen. Der 29-Jährige ist mittlerweile ein wichtiger Ansprechpartner für die Besucher des Cafés geworden. Viele der anderen Menschen kommen im Laufe dieses Nachmittags auf ihn zu und bitten ihn, z.B. in bürokratischen Angelegenheiten um Rat. So setzt er sich etwa mit den Ämtern auseinander und dolmetscht für sie. „Was Dokumente angeht, bist du richtig deutsch“, scherzt Barbara Gebbe, die Migrations- und Integrationsberaterin von der Diakonie Burgdorf, die zwischen den Geflüchteten und dem Jobcenter vermittelt.

 

Der ehemalige Lehrer und Erzieher Sherzad, der in seiner Heimat Kurdisch unterrichtete, kam Ende 2015 aus dem Irak zunächst nach Nordrhein-Westfalen. Nachdem einer seiner Brüder bereits vor acht Jahren in die Region Hannover kam, beschloss er, ebenfalls nach Deutschland zu kommen und nahm so den Weg über die Türkei, Bulgarien und Rumänien auf sich. „Ich hatte schon länger vor, nach Europa zu gehen“, erläutert er. Schließlich gelangte er in ein Lehrter Aufnahmezentrum für Flüchtlinge, wo er mit den Unterstützern von „Lehrte hilft“ in Kontakt kam. Mittlerweile lebt er nicht mehr im Flüchtlingsheim, sondern hat, wie die meisten von „Lehrte hilft“ betreuten Migranten, eine eigene Wohnung in der Stadt. Seine berufliche Erfahrung bringt er in der Kinderbetreuung des Roten Kreuzes ein.

 

Die eigene Familie musste der junge Mann in der Heimat zurücklassen. „Meine Eltern sind noch im Irak, sie hoffen aber, eines Tages nachkommen zu können“. Momentan sei das aber aufgrund der Umstände dort noch nicht möglich, wie er erläutert. Die Situation sei zu unsicher und gefährlich, sodass er dort keine Perspektive mehr für sich sah. In seinem Heimatort Sindschar an der Grenze zwischen dem Irak und Syrien habe er das Vordringen von Extremisten und das Leid der Zivilbevölkerung, insbesondere der dort ansässigen Jesiden erlebt. „Es wurden Mädchen und Frauen verkauft, manchmal für nicht mehr als 10 Euro“, schildert er die Verhältnisse. Diese Erfahrungen prägten ihn nachhaltig und veranlassten ihn, seine Emigrationspläne in die Tat umzusetzen.

 

Eine Rückkehr in den Irak schließt Sherzad für sich kategorisch aus: „Nie wieder!“, erklärt er nachdrücklich. Er sieht seine Zukunft in Deutschland, wie auch die allermeisten Besucher des „Montagscafés“, die sich in der geselligen Runde zu ihren Plänen äußern. Ein erster konkreter Schritt in diese Richtung für den 29-Jährigen stellt der B2-Sprachtest dar, auf den er sich zurzeit vorbereitet. Zudem möchte er bald eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann in einem Supermarkt beginnen.

 

Ein Bericht von Elena Rauschert

 

Foto: Barbara Gebbe (Mitte) im Gespräch

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